Olga Neuwirth, Georg Friedrich Haas und die, die es nicht wissen wollen

›Ich will es (gar) nicht wissen‹, das ist der Tenor unter vielen Kommentaren auf Slipped Disc und anderswo in Social Media als Reaktion auf die Haas-Interviews in VAN und der New York Times, das ist auch der Tenor vom Blogpost in der ›Welt‹. Das Nicht-Wissen-Wollen ist legitim, aber sobald man daraus eine öffentliche Äußerung macht, will man mindestens auch noch was anderes zum Ausdruck bringen: ›Mir wäre es lieber, so etwas sollte nicht veröffentlicht werden‹, möglicherweise auch: ›Er soll darüber schweigen.‹ Hinter der süffisanten Biederkeit der Kommentatoren schwingt ein bisschen Angst mit vor der Vielfalt sexueller Begegnungen, die seit jeher Schubkraft einer reaktionären Abwehr gegenüber der »Normabweichung« ist. Die Ansicht, eine sexuelle Orientierung sei doch wohl bitteschön Privatsache, ist nicht liberal, sondern diskriminiert die souveräne Entscheidung einer erwachsenen Person, etwas über sich in der Öffentlichkeit preiszugeben. Und sie fällt insbesondere dann auf, wenn der Autor an anderer Stelle keine Anspielung auf Details aus Familie, Affäre und sonstigem auslässt, ohne dass es der Zusammenhang verlangt.

Wer sich darüber hinaus beschwert, die Musik von XY nicht mehr hören zu können, ohne an ABC zu denken, der sollte sich vielleicht eher mit der eigenen Haltung beim Musikhören und seinem Kunstverständnis beschäftigen. Wenn andere doch diese Empfindlichkeit nur schon während des Lesens des Interviews an den Tag gelegt hätten. Da ist einer, der darüber spricht, dass das Komponieren für ihn etwas mit seiner Sexualität zu tun hat, dem es wichtig ist, aus der Verleugnung eines Dranges heraus nach vorne zu kommen und der dafür einen Weg gefunden hat, der niemandem schadet.

Es ist gut vorstellbar, dass jemand, der eine Neigung zum Kinky Sex hat und gleichzeitig klassischer Musiker werden möchte, ohne positives Beispiel zum Schluss kommt: beides zusammen geht nicht. Georg und Mollena sind ein Beispiel für etwas anderes Schönes. Das muss bei uns auch willkommen sein. Und niemand wird wissen, ob es willkommen ist, wenn man nicht darüber spricht. Es ist ähnlich beim Schwulsein. Viele im Klassikbetrieb sind schwul, nur wenige sprechen darüber, weil das auch Privatsache ist. »Als ich 19 war und kurz davor war, mich zu outen, hätte ich gern noch ein Paar Role Models gehabt, mit denen ich was gemeinsam hatte, vor denen ich Respekt hatte. Das hätten viele nicht wissen wollen. Für mich wäre es aber eine große Hilfe gewesen.« (Unser Redakteur Jeff)

Olga Neuwirth ist im heute in VAN erscheinenden Interview über folgende Äußerung Haas’ irritiert:

Die Realität der Kompositionen Neuer Musik entspricht allerdings nicht so ganz diesem Geschlechterschema. In der Diskussion einigten wir uns darauf, dass die weiblichste Musik, die in den Darmstädter Konzerten zu hören war, von Morton Feldman stammte. Und die männlichste von Olga Neuwirth.

Wo Haas, so scheint es uns nach wie vor, eher über die Beweglichkeit von Polaritäten spricht, sieht Olga Neuwirth Diskreditierung und Abwertung im Spiel. Wir finden es wichtig, dass ihre Antwort auf die Erwähnung des eigenen Namens in VAN wiederum ihren Platz in VAN hat. Trotzdem ist schwerlich nachzuvollziehen, wie man die Worte Haas’ in ihrer Gesamtheit als intolerant lesen kann. Neuwirth:

> Hat er, wenn er sich schon so ›politisch‹ nennt, jemals davon gehört, dass es viele verschiedene Arten von Lebensformen und Sexualität gibt?

Das verlogene »Ich will es nicht wissen« und das Missverständnis, die konkrete sexuelle Spielart als Vorschlag eines gesellschaftspolitischen Modells zu lesen, nimmt eine fast schon gewalttätige Fühllosigkeit auf dem ›Bad Blog of Musick‹ an, wo der Autor chauvinistisch darüber fantasiert, wie es wäre, sich Haas’ Partnerin als Sklavin auszuleihen. So wird aus Freiheit Enge, weil man der Sexualität das Spielerische nicht zugesteht und die Freiheit des Menschen nicht ernst nimmt./p>

UPDATE 9. März 2016 15.53 Uhr: Der in der ersten Version hier stehende letzte Satz wurde nach dem Hinweis eines Lesers und daraus entstehenden Bedenken hinsichtlich Datenschutz und Privatsphäre entfernt. (d. Red.)

Die Redaktion
(JAB, LP, TR, HW)