Das ist nicht der Oberschicht vorbehalten.

Vor zehn Jahren hat der Pianist Lars Vogt ein Projekt ins Leben gerufen, das sich der Musikvermittlung in naheliegender Weise nähert: Musiker/innen, die sich auf Tour befinden, besuchen in den Tagen um den eigenen Auftritt herum lokale Schulen, um die eigene Musikbegeisterung an Schüler/innen weiterzugeben. Wie und ob diese Vermittlung funktioniert, haben wir die Klarinettistin Sharon Kam gefragt, eine der circa 300 Musiker/innen, die sich bei »Rhapsody in School« ehrenamtlich betätigen. Sie wird auch beim Jubiläumskonzert zum zehnjährigen Bestehen des Programms am 8. Januar im Konzerthaus Berlin auftreten. Mit dabei sind außerdem Lars Vogt, Veronika Eberle und Tanja Tetzlaff, sowie das Konzerthausorchester Berlin und das Orchester des Musikgymnasiums Carl Philipp Emanuel Bach.

Text: Lena Pelull

VAN: Wie läuft das ab, wenn Musiker/innen die Schulen besuchen?

Sharon Kam: Die Künstler gestalten das alles sehr frei und haben unterschiedliche Vorstellungen davon, wie so eine Stunde zu laufen hat. Das hängt in erster Linie vom Alter der Schüler ab. Mit den Jüngeren singt man, spielt ihnen vor, erklärt vielleicht ein bisschen das Instrument. Je älter die Schüler werden, desto eher kann man über Interpretationen von Stücken, Genres oder Besonderheiten des jeweiligen Instruments sprechen. Oft wissen Schüler nur: Klassik ist das, wo Leute schön angezogen hingehen, wo man leise sein muss und sich nicht bewegen darf. Indem ich die Kids beispielsweise mein Instrument ausprobieren lasse, versuche ich, ihnen die Hemmungen vor der Klassik zu nehmen.


Lars Vogt (Klavier) in der Anna-Freud-Schule in Köln. Foto: Susanne Lührig

 

Sind alle Schulformen vertreten?

Das Projekt ist dezentral organisiert und lokal sehr verankert; entsprechende Vermittlungsstellen achten darauf, dass möglichst viele unterschiedliche Schulformen, beziehungsweise Schüler mit unterschiedlichem Background dabei sind. Viel läuft dabei noch über persönliche Kontakte, irgendjemand kennt einen Schulleiter oder den Musiklehrer eines Gymnasiums … dadurch ergibt sich viel.

Sind die Schüler begeisterungsfähig für das Projekt?

Das ist ganz unterschiedlich, hängt aber nicht vom Bildungsstand oder dem sozialen Background ab; es gibt auch große Unterschiede zwischen verschiedenen Gymnasien zum Beispiel. Ob man in gelangweilte Gesichter schaut oder vielleicht sogar einen ganzen Vormittag bleibt, um mit der Musikklasse oder der Big Band der Schule Musik zu machen, hängt ehrlich gesagt oft mit ganz profanen Dingen zusammen: Was verpassen die Schule für die Stunde mit mir, schreiben sie in der Woche noch einen wichtigen Test und haben deswegen keinen Kopf für andere Sachen? Darüber hinaus gibt es ganz unterschiedliche Wahrnehmungen von Musik im Alltag. Überall wird Musik gemacht. Welche Bedeutung sie für die Schüler hat, hängt – in manchen Fällen leider, in manchen Gott sei Dank – meist an der einen Person, die den Musikunterricht in der Schule übernimmt und daran, wie wichtig so ein Projekt wie unseres für diesen Lehrer ist.

Wie groß kann der Effekt so einer Musikstunde tatsächlich sein?

Man kann in einer Stunde Kinder nicht für klassische Musik begeistern, aber man kann für eine gewisse Offenheit ihr gegenüber werben. Ich sehe meine Aufgabe in den Schulen nicht darin, die Kinder zu einer professionellen Musikerlaufbahn zu animieren. Es geht eher darum, sie für etwas zu sensibilisieren, auf das sie sonst vielleicht nicht stoßen würden und was ihnen Spaß machen könnte. Das Projekt ist eine Art Bonus zum herkömmlichen Musikunterricht, allerdings vermitteln wir kein Wissen und fragen nicht ab, sondern versuchen zu zeigen, wie Musik als Form der Kanalisation von Emotion funktioniert; Musik ist eine Art, sich auszudrücken. Dafür muss man nicht jahrelang studieren; das ist auch nicht der intellektuellen Oberschicht vorbehalten. Vor allem den älteren Schülern versuche ich außerdem die Klassik als eine Sphäre mit vielen Berufs- und Zukunftsmöglichkeiten zu präsentieren, die nicht unbedingt eine professionelle Musikerkarriere voraussetzen. Da gibt es so viel, das möchte ich zeigen.